Vive l’erasmus !

admin am September 22, 2007

Hallo ihr Lieben!

Ich werde ab heute versuchen am Ende jeder Woche etwas über mein Leben hier in “Monti” aufs Papier zu bringen. Ich freu mich natürlich über sowohl liebe als auch böse Kommentare, Hauptsache Kommentare :)

Bis demnächst!

Uwe


… l’on y danse, l’on y danse

Uwe am September 16, 2007

Meinen ersten kulturellen Wegpunkt konnte ich gestern setzen - mit meiner Fahrt ins nahegelegene Avignon. Es ist garnicht so schwer, das Klischee des desinteressierten Erasmus-Studenten abzubauen, wenn man nur genügend Begleiter findet, die ebenfalls zumindest ein bisschen die monuments Frankreichs mögen.

In diesem Zusammenhang möchte ich gern von etwas erzählen, was bestimmt jeder schon einmal in seinem Leben auf Behörden oder in öffentlichen Einrichtungen tun musste, nämlich “faire la queue” (sich anstellen). Wie überall auf der Welt nervt es, nicht nur weil man beim Warten in der Schlange Zeit verschwendet, sondern weil man auch immer gleichzeitig den Eindruck hat, dass die Leute vor einem sowieso alle nur unwichtige Dinge zu erfragen hätten und man selbst es immer am eiligsten hat und deshalb eigentlich das Recht hätte, vor den anderen an den Schalter zu treten. Und in den meisten Fällen stimmt das natürlich auch, wie in meinem Beispiel heute:

Gegen 8.30 Uhr war ich mit vier weiteren deutschen Studentinnen am Bahnhof in Montpellier verabredet. Vorher wollte ich mir aber unbedingt noch eine “carte 12-25″ kaufen, mit der man innerhalb Frankreichs nur die Hälfte für alle Zugfahrten zahlt. Deshalb ging ich schon etwas früher zum Bahnhof, um mich anzustellen. Vor mir standen fünf weitere Personen, relatives Glück für mich, der nach einem Blick auf die Armbanduhr noch ausreichende 20 Minuten bis zur Abfahrt hatte. Aber natürlich schwand dieses beruhigende Zeitpolster auf ein Minimum von 10 Minuten und immernoch standen zwei Personen vor mir. Warum dauert das bei dem Typen mit der Mütze so lange? Warum bezahlt der mit Scheck und nicht bar oder mit Karte? Und dann funktioniert plötzlich irgendetwas im System nicht (Anm.: Ein beliebtes Codewort für Ahnungslosigkeit und Inkompetenz - Systemfehler. “Hmm, entschuldigen Sie, aber ich glaube es gibt da einen Fehler im System.” - Käse, gib doch zu, dass du bloß was falsches angeklickt hast und verschon mich mit deinem inhaltsarmen Kassen-Floskeln! Ich arbeite selber an der Kasse und weiß, dass es in den meisten Fällen menschliches Versagen ist! :) )
Gut, im Endeffekt hab ich meinen Zug dann noch pünktlich erreicht, jedoch nicht bevor ich selbst am Schalter eine Bahnkarte beantragt hatte (Dauer: 5 min.) und am Ende noch mein Ticket gekauft hatte (Dauer: 2min.). Es ist aber auch immer dasselbe.

Neulich war ich Brot und Wurst kaufen. Auch so ne Geschichte in Frankreich. Nachdem man sich vorm Wurstregal erstmal vor Erstaunen, später aus schierem Unglauben, über die absurd hohen Preise für Fleisch übergeben und danach unter monologartigen Mecker-Triaden den Weg zu den Kassenbereich zurückgelegt hat, stellt man sich erstmal gewohnt an. Die Kasse mit der kürzesten Schlange zu suchen gestaltet sich als sinnloses Unterfangen denn rein theoretisch haben das ja bereits alle anderen Kunden vor einem schon getan, womit die Verteilung auf die einzelnen Kassen überall annähernd gleich ausfällt.

Geduld ist eine Tugend! So tönt es immer altklug von allen Seiten, von all denjenigen, die vorgeben selber gern in einer Schlange im Supermarkt ihren Lebensabend zu verbringen. Ich weiß nicht wen es wirklich mit vollkommener Zufriedenheit erfüllt, sich irgendwo anzustellen oder wem beim geradezu medidativen Anblick eines inkompetenten Kassierers eine Träne als Zeichen tiefster Glückseeligkeit die Wange herunterperlt - bei mir bringt es jedenfalls die Schläfen zum pulsieren. Manchmal weine ich auch nachts im Bett, aus Trauer verlorener Minuten.
Gut, dass scheint etwas übrtrieben, nur ist es wirklich ärgerlich, und das sieht jetzt bitte jeder ein, wenn man an der Kasse unverhältnismäßig lange warten muss, nur weil einem Kunden einfällt, dass er noch etwas vergessen hat und “schnell nochmal” in die Abteilung flitzt, um ein anderes Produkt zu holen. Gern bucht man dies dann wieder unter dem Punkt “südeuropäischer Gelassenheit” ab oder wirft dem Deutschen “Hektik” vor. Wenn jedoch in allen südeuropäischen Fabriken der Joghurt in diesem Schneckentempo abgefüllt werden würde, dann litt die Hälfte der französischen Bevölkerung heute an Salmonellen.

Gut, den restlichen Tag habe ich dann mal ein wenig rumgetrödelt (traîner) mit meinen Hausaufgaben. Ganz Erasmus-untypisch, Hausaufgaben am Wochenende. Aber von nüscht kommt ja numa nüscht. Und morgen bleibt auch keine Zeit, da ich noch IKEA nen Besuch abstatten werde und in der Stadt Klamotten kaufen möchte. Das Shopping-Wochenende in Avignon stellte sich nämlich als gehöriger Reinfall heraus, da 90% der Läden als groupe cible (Zielgruppe) nur Frauen vorsah. Bershka, Xanaka, Pourquoi Pas, H&M - alles durchweg nur voller Kleider. Und da mir Kleider nur halb so gut stehen wie ne anständige Männer-Jeans, ging ich entsprechend leer aus. Obwohl, einen Levis-Laden, der auch das modetechnisch unterpräsentierte Geschlecht bedient, habe ich dann doch entdeckt, war mir aber mit 95 Euro die Jeans ein klitzekleines bisschen zu hors de prix (teuer). In der Anprobe wich meine anfängliche Euphorie über den perfekten Schnitt der Hose, schierem Entsetzen beim Betrachten des Preis-Etiketts. Mit einem leicht gequälten Lächeln log ich der Angestellten vor, ich müsse nochmal überlegen und verließ daraufhin fluchtartig den viel zu engen Laden. Ich hätte schwören können, dass meine Kreditkarte daraufhin leise Stoßgebete ausstieß. Nun gut, dann wird das Geld eben woanders unter die Leute gebracht.

Heute abend ging es dann in die Stadt zum Rugby-Schauen. Auf einem écran géant (Großleinwand) wurde das Spiel Frankreich-Namibia aus Toulouse en direct (live) übertragen. L’équipe française a littéralement écrasé son adversaire! Am Ende dann etwas einseitig, das Ergebnis, aber aktionreich allemal. Die Franzosen haben in ihren Reihen einen Spieler namens Sébastien Chabal, den die Fans liebevoll “l’animal”(das Tier) nennen. Und manchmal denkt man sich wirklich nur: la bête est lachée, wenn er durch die gegnerischen Abwehrreihen bricht. Aber einfach nur genial!

Habe dabei auch gleichzeitig neue Bekanntschaften mit paar französischen Jugendlichen gemacht, die (wie sollte es anders sein) sehr nett sind und die ich auf Anhieb verstanden hab. Das verlegene Nachfragen wird immer geringer. Ich fühl mich gerade richtig gut. Hoffentlich wird sich das morgen beim Gespräch mit der blöden Tante von der Agentur nicht ändern. 150 Euro kostet es mich nochmal, damit mein Name in den neuen Mietvertrag aufgenommen wird! Ist jedoch unumgänglich, will ich Wohngeld und Auslands-Bafög haben…

Nun denn, finanzielle Rezession trifft sprachlichen Aufschwung - wow!

Anders herum wäre es auch nicht schlecht, aber das wäre eine völlig andere Geschichte, die keiner hören will.

In dem Sinne: Je vous embrasse!

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