*polemischer Text - bitte nicht zu ernst nehmen* *texte polémique - ne pas à prendre au sérieux*
Hmm, er kippelt schon wieder - der Tisch an dem ich gleich meine Klausur im Übersetzen schreiben soll. War ja klar. Und während ich mich im Stillen frage wieviel Hektor Regenwald ich bereits unter den Tischbeinen französischer Schulbänke verteilt habe, lobe ich meine relative Ausdauer und Geduld, die ich solchen Dingen mittlerweile entgegenzubringen im Stande bin. Dabei sind es nicht nur schwankende Tische, die man als versteckte Krankheit Südfrankreichs zu erkennen glaubt, sondern auch viele kleine andere alltäglich Dinge, die in einem entweder stille Verzweiflung oder gar schiere Fassungslosigkeit hervorrufen. Dazu zählt eine gewisse Rücksichtslosigkeit, die in manchen Situation direkt gefährliche Folgen nach sich ziehen kann.
Neulich war ich mit meinem Fahrrad unterwegs auf dem Weg zur Fakultät. Dabei muss ich gleich zu Beginn immer eine serpentinenähnliche Straße herrunterfahren, deren scharfe Linkskurve es verhindert entgegenkommende Fahrzeuge rechtzeitig zu erkennen. Trotz dieses offensichtlichen Gefahrenherdes fiel es mir schon mehr als einmal auf, dass Leute ihr Auto, aus welchem Grund auch immer, genau vor besagter Kurve derart auf der Fahrbahn abstellen (ohne Warnblinklicht natürlich), dass man gezwungen ist IN besagter Kurve auf die Gegenfahrbahn auszuweichen, um das parkende Vehikel zu passieren. Eine Aktion, die ich wie gesagt schon mehrmals unter innerlichen Beten vollzogen habe. Das ist verdammt nochmal lebensgefährlich! Was denken sich diese Leute dabei? Die Antwort bleibt aus, ist doch selten der Besitzer des Fahrzeuges in der Nähe.
Eine harmlosere Variante französischer “inconscience” (Gewissenlosigkeit) zeigt sich am Geh- und Stehverhalten in Einkaufszentren, Fußgängerzonen und an allen anderen Orten, an denen sich mehrere Individuen unfreiwillig einen relativ engen Raum teilen müssen. Hier kommt es nicht selten vor, dass Leute jeden Alters an den unmöglichsten Stellen (Engpässen wie Rolltreppen - kennt man aus Deutschland aber auch!) stehen bleiben, um etwas in ihren Taschen zu suchen, zu telefonieren oder einfach sich die Nase zu putzen. Dies wird mit einer solchen Penetranz betrieben, dass man um unfreiwilligen Körperkontakt nicht immer herumkommt. Was jedoch bei den bises, den Begrüßungsküsschen, noch angenehm ist, tut auf Fußwegen und Treppen einfach nur weh. Was bleibt einem anderes übrig als auszuweichen? (Etwas, das unter französischen Passanten und Autofahrern, so scheint es mir, als Zeichen der Schwäche erachtet wird). Natürlich bliebe einem noch die Möglichkeit beim nächsten Mal wenn man sich mit dem Fahrrad von hinten einem Fußgänger nähert, der, einem den Rücken zugewandt und mit mp3-Player im Ohr oder D&G Sonnenbrille auf, auf dem Radweg flaniert, ihm einfach zur Statuierung eines Exempels in die Hacken fahren und so irgendeinem französischen Chirurgen seinen nächsten Restaurantbesuch sichern, aber das wäre dann doch etwas übertrieben. Da bemüht man dann doch lieber die anscheinend entweder viel zu leise oder einfach ungewohnt für das französische Ohr tönende Fahrradklingel als Zeichen früher Warnung. Zumeist ohne Erfolg. Erpicht darauf eine Kollision zu vermeiden bremst man in den meisten Fällen ab. Manchmal könnte einem schlecht werden von so viel Rücksicht
Aber noch nicht genug. Man könnte leicht den Eindruck gewinnen, dass es das Recht des Franzosen ist, sich so zu verhalten, wird doch schließlich auch mit dem geradezu protektionistischen Umgang der französischen Sprache und deren Glorifizierung als Weltsprache den Einwohnern Frankreichs auf höherer Ebene genau diese Einstellung unterstützt und vorgelebt. So werden zur Erklärung englischer Literatur mit an Penetranz grenzender Hartnäckigkeit die Thesen und Begrifflichkeiten französischer Literaturtheoretiker herangezogen. Dabei scheint der Umstand, des Übersetzens der Fachbegriffe ins Englische und der damit verbundene Mehraufwand beim anschließenden Erörtern von Dickens oder Shakespeare eine marginale Rolle zu spielen. Als gäbe es nicht genügend englische Literaturhistoriker, deren Vokabular problemlos im Kurs Verwendung finden könnte. Aber gut, in einem Land, in dem selbst englischsprachige Parfum-Werbung von Hugo Boss französische Untertitel trägt, da darf auch ein Gérard Genette zur Analyse altenglischer Theaterstücke herhalten. Man gönnt ihnen auch ein wenig Nationalstolz, aber nur dort wo er hingehört.
Wo er zum Beispiel nicht ingehört, ist an Kassen in französischen Supermärkten. Neulich wollte ich eine Geburtstagskarte für meinen Vater kaufen. Nachdem ich dann endlich ein meinen Ansprüchen an Maskulinität genügendes Exemplar in einem Geschäft gefunden hatte, stellte ich mich an die Schlange vor der Kasse an. 10 Minuten später konnte das Reklamierungsproblem der beiden vor mir stehenden Kundinnen geklärt werden. Ich geduldete mich jedoch nur, um anschließend von der Kassiererin darauf hingewiesen zu werden, dass das Kaufen jeglicher Artikel (und das schloss leider auch meine blaue und vor Männlichkeit strotzende Geburtstagskarte ein) an eine spezielle Mitgliedschaft in diesem Geschäft gebunden war. Da ich nicht vor hatte aller drei Monate ein Buch zu kaufen, musste ich unter Unterdrückung von Tränen der Verzweiflung die Karte zurücklassen und mich auf die Suche nach einer anderen machen. Im nächsten Geschäft fand ich auch eine Karte (sie trug Gartenutensilien als Motiv …) und bezahlte aus stiller Rache mit meinem gesamten Kleingeld.
Natürlich sind dies nur rein subjektive Schilderungen der Erlebnisse hier und um fair zu sein, muss ich sagen, dass das Leben hier in Montpellier total toll ist, die Leute (wenn sie sich nicht auf Fahrradwegen aufhalten) sehr nett und hilfbereit sind. Und eigentlich freue ich mich ja auch, hier Gewohnheiten und Dinge vorzufinden, die in Deutschland teilweise völlig anders sind.
Damit verabschiede ich mich ins Wochenende. Machts gut!
Grandios!
Ein Meisterwerk der Blog-Geschichte….
Karo Januar 18, 2008